Die Kunst des Loslassens – Ein Atelierbesuch bei Johanna

Mit sieben Jahren bekam Johanna von ihrer Großmutter die erste Kamera geschenkt: eine Instantkamera aus Plastik – in die Johanna prompt ihren Namen einritzte. Heute, 27 Jahre später besitzt sie nicht nur eben diese Kamera noch immer, sondern hat die Leidenschaft für die Fotografie zum Beruf gemacht und verewigt sich mit ihren Bildern, die mittlerweile aber mit professionellerem Equipment entstehen, in den Köpfen der Betrachter.

Ein gewisses kreatives Talent wurde der gebürtigen Hamburgerin wohl in die Wiege gelegt, denn schon ihre Mutter folgte der künstlerischen Leidenschaft und tauschte den sicheren Job als Lehrerin gegen die Selbständigkeit als Illustratorin und Kinderbuchautorin. Und weil das sonnige Südfrankreich um einiges inspirierender schien als das kühle Hamburg zog die Familie genau dorthin. Als das Französisch perfektioniert war, ging es weiter nach England, wo Johanna ihren Abschluss in Grafikdesign und Fotografie am renommierten Londoner Central Saint Martins College machte. Dass die Fotografin und Künstlerin in unserem Gespräch also das Reisen und die Landschaft als eine ihrer großen Themen und Inspirationen nennt, verwundert nicht. Und auch wenn sie seit 2009 in Berlin lebt – die „Wanderlust“ ist stets präsent: Manchmal folgt Johanna ihr lediglich in der Fantasie, arbeitet sie in die Farben und Formen ihrer Bilder ein, hält Erinnerungen und Sehnsuchtsorte fest. Manchmal streift sie in der Stadt herum, zu Fuß oder auf dem Rad und hält nach Orten Ausschau, die als geeignete Location für freie oder angewandte Fotoprojekte in Frage kommen: „Ich arbeite gerne draußen, weil ich gerne mit Orten arbeite und der Ort dann sehr oft eng mit meiner Idee zusammenhängt.“

Die gesammelten Eindrücke bringt sie schließlich mit in ihr Kreuzberger Atelier im Aqua Karrée, einem ehemaligen Fabrikkomplex. Johannas Studio ist – je nach Projekt – mal Maleratelier, wo Ölfarbe auf Leinwände aufgetragen wird, mal Fotostudio, wo sie mit der Kamera Bilder inszeniert. Umräumen und aufräumen ist also wichtig. „Die Teilung zwischen Fotografie und Malerei ist für mich eine schöne Balance. In meinem Leben wurden immer verschiedene Seiten gefördert. Was die Fotografie aber so großartig macht, ist es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, Leute kennenzulernen. Mit einer Kamera in der Hand hat man fast immer einen Vorwand und kann jeden ansprechen, Fragen stellen, einfach, weil es zum Beruf gehört – das gefällt mir sehr gut und das macht mir besonders großen Spaß.“ Ihre Vorbilder: Helmut Newton, Stephen Gill oder auch Diane Arbus. Sehr unterschiedliche Fotografen, „aber das finde ich eben wahnsinnig interessant an der Fotografie, dass man quasi alles damit machen kann und sie soviel Spielraum lässt“, schwärmt Johanna, der die weißen Wände des Studios auch dazu dienen, um wieder zu wissen, was sie möchte, um der Bilderflut zu entkommen und einen gewissen „Leerlauf“ zu exerzieren.

„Auch die Malerei ist etwas, in dem ich mich verlieren kann. Es ist eine entspannte, aber manchmal auch sehr frustrierende Arbeit, weil der Weg ans Ziel über viele Umwege führt. Die Fotografie dagegen ist viel direkter, man kann sich etwas vornehmen, sich mit einem Thema beschäftigen und es dann umsetzen.“

So aufgeräumt Johannas Atelier ist, man findet doch immer wieder sorgfältig arrangierte Souvenirs von ihren Reisen und Streifzügen, die sie unterwegs aufgelesen hat. Diese Objekte verdeutlichen nicht nur ihre Spurensuche, sondern fließen oft in irgendeiner Weise wieder in das ein oder andere Projekt ein. Johanna arbeitet bedächtig und lässt sich von ihrer Intuition leiten. Dieses feine Gespür für die kleinen Dinge, die soviel mehr Potenzial besitzen, als man zu glauben vermag, ist es auch, was Johanna mit anderen teilen möchte: „Ich möchte () ein Gefühl transportieren, einen Rahmen, eine Landschaft, eine Szene schaffen, in die sich der Betrachter hineindenken kann, in die er eigene Dinge projizieren kann“, meint sie.

Ihr fotografisches Handwerk hat Johanna nicht nur im Studium, sondern vor allem während Assistenzen bei anderen Fotografen perfektioniert. Und das Miteinander während eines Shootings schätzt sie auch heute als eigenständige Fotografin noch: „Wenn man mit anderen zusammenarbeitet, verändert jedes Element den Weg ein Stück weit und es entstehen Dinge, die man so allein nicht geschafft hätte.“ Zu THE BAKERY stieß Johanna konsequenter Weise auch über eine Freundin, Aude, die als Stylistin u.a. auch für THE BAKERY arbeitet. So führte eines ganz organisch zum anderen. Die Dinge passieren bei Johanna einfach – auch, weil sie es mit ihrer entspannten und offenen Haltung zulässt: „Ich finde es auch wichtig, loslassen zu können, dass sich eine Eigendynamik entwickelt. Am Schönsten ist es eigentlich, wenn man selber von der Arbeit überrascht wird und selbst eine Art Reise antritt.“

Diese „Kunst des Loslassens“ beherrscht Johanna so perfekt, dass sie uns mit ihren wunderbaren Arbeiten sicher auch in Zukunft begeistern wird.