Intensive Leichtigkeit

„Ich drücke meine Zigarette auf deinem Arm aus, damit du dich immer an mich erinnerst“ – ein Satz, der erstmal schmerzhaft klingt, intensiv, der sofort ein Bild im Kopf entstehen lässt und ein Gefühl hervorruft, das man wahrscheinlich irgendwie auch nachvollziehen kann. So überwältigend, so einprägsam wie dieser Satz – der nicht umsonst den Titel ihrer Masterarbeit an der Kunsthochschule Berlin Weissensee bildet – sind auch die Zeichnungen von Julia Krusch, die im THE BAKERY Portfolio als Illustratorin vertreten ist.

Die künstlerische Qualität, die auch Julias Auftragsarbeiten auszeichnet, entfaltet sich in dieser freien Arbeit auf faszinierende Weise und lässt den Betrachter in einen Dschungel aus Gedanken und Zeichnungen in diversen Techniken, von Wachsmalkreide bis zu Bleistift bzw. Buntstift, eintauchen. Nicht nur auf den Bildern der Ausstellung, die in den Räumlichkeiten der THE BAKERY präsentiert wurde, sondern auch in der begleitenden Publikation wechseln sich Innen- und Außenräume ab, kehren in unterschiedlichen Motiven wieder. Was viele dieser Räume eint, sind Pflanzen in den verschiedensten Grüntönen und die expressive zeichnerische Geste, mit der Julia ihre Motive aufs Papier bringt.

Zwischen den Seiten sprießen neben Skizzen und Zeichnungen aber auch tagebuchartige Gedankenfetzen, Beobachtungen, Gefühlsschnipsel. Der botanische Dschungel steht einem emotionalen Dschungel gegenüber, der die Beziehung zwischen zwei Personen verhandelt, aber auch andere zwischenmenschliche Beziehungen beobachtet und analysiert. Das alles äußerst unprätentiös, ein bisschen beiläufig fast, mit einer Leichtigkeit und Lässigkeit, die den Zeichnungen von Julia entspricht. Fast könnte man sich im Schwarz der Nacht verlieren, doch schon die leicht angedeuteten Fenster eines Gebäudes, die rotbraunen Spitzen eines Zaunes geben dem Bild Lebendigkeit. Im Kontrast dazu stehen die feinen Buntstiftzeichnungen, die fast aufs Papier gehaucht scheinen – äußerst fragile Blätter und Verästelungen, die in ihrer vermeintlichen Einfachheit höchst präzise sind. Und generell das wuchernde, frische Grün, das sich gegen Schatten und Architekturen abhebt.

In ihrem Wechselspiel von Zartheit – fast einer Art Zärtlichkeit – und Direktheit, Beiläufigkeit und Intensität ergänzen sich die Zeichnungen und Texte von Julia Krusch perfekt: Die handgeschriebenen Texte werden nicht nur selbst zu einer Art Bild mit einem ganz eigenen Rhythmus, sie eröffnen Eintrag für Eintrag ein Fenster in eine neue Welt, eröffnen einen Moment, der sich gleichfalls als Bild im Kopf manifestiert, sind einerseits prägnant, präzise, andererseits offen genug, um der eigenen Fantasie Freiraum zu geben. Texte und Bilder changieren stets zwischen einem Drinnen und einem Draußen, zwischen Beobachtendem und Akteur und ziehen den Betrachter dadurch in ihren ganz besonderen Bann.

Damit ist Julias Masterarbeit ein Paradebeispiel für das, was sowohl ihre freien als auch ihre Auftragsarbeiten ausmacht: Man fühlt sich sofort ein wenig verzaubert. In einer Notiz der die Ausstellung begleitenden Publikation heißt es an einer Stelle: „Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich in dich verliebt und ich tue es auch ein bisschen, als du mir mit glühenden Augen von den quietschenden Tulpen erzählst“. Das bedeutet, salopp gesagt, dass Leidenschaft ansteckend ist und Julias Leidenschaft für das, was sie tut, ist der beste Beweis dafür.

Bilder: Jannis Schulze
Text: Christina Oswald